Amok
Dienstag, der 31.03.2009
Ein Amoklauf wuchert hervor wie tiefsitzender Krebs und wird zum unübersehbaren hässlichen Geschwulst. Der Schock sitzt tief, alles so ungeahnt und unerklärlich... Lächerlich reflexartig wird an der oberflächlichen Symptomatik gekratzt und ein Verbot von Waffen, Killerspielen und Gewaltdarstellungen gefordert, fällt eine tiefergehende Diskussion aus, eine weitaus notwendigere Diskussion über die weitgehende Unmündigkeit der Bevölkerung, eine Diskussion über die Unfähigkeit, moralisch und weltanschaulich selbstständig zu denken und sein (geplantes) Handeln zu reflektieren. Schaut man sich die Lebenssituation der heute Heranwachsenden an, so ist diesen selbst nicht mal ein Vorwurf zu machen, sie sind ja geradezu zur Nicht-Entwicklung verdammt. Schülern wird der Teil des Weltwissens vermittelt, der zu ihrem effizienten Funktionieren als Rädchen in den Eingeweiden der monströsen, unmenschlichen Wirtschaftsmaschinerie essentiell ist, d.h. entweder technisch-funktionale Fächer aus dem naturwissenschaftlichen Bereich oder enzyklopädische Lernfächer, wie die (so erlebten und vermittelten) Sprachen. Die Herausbildung eines kritischen, meinungsbefähigten Verstandes geht über den Horizont dieser Werkmenschfabrik doch arg hinaus und ist auch nicht gewollt, möchte man ein loyalen und leicht (ver-)führbaren Volkskörper. Welchen Anteil haben denn Fächer wie Ethik und "Politik", Fächer, die man "Gesellschaftsentwürfe" nennen könnte im Schulalltag? Woher sollen wacklige, ungefestigte Wesen Orientierungen bekommen, in einer Welt, die sich in den letzten Jahren zunehmend materiell orientiert und in der eben jene materielle Sicherheit selbst für die allermeisten auf immer unsichereren Füßen steht? Warum fragt sich den niemand, ob nicht gerade die banale, alltägliche Demütigung ohne Alternative, verbunden mit der schon früh sichtbaren Perspektive der Unwertigkeit in langzeitigem Zustand ohne Job, warum nicht gerade dies zu solchen Verzweiflungstaten führt, zumal bei einer Generation, die tagtäglich auf allen Kanälen mit dem gnadenlosen Strampeln der Vielen nach einem Platz an der Sonne konfrontiert wird, dem Treten nach Unten, dem erbarmungslosen Impetus des Erfolgs, des Alles oder Nichts, in Hochglanz und epileptisierend flimmernd, in zahllosen Kreisch- und Castingshows. Umzingelt von dem unvermeidbaren Einfluss einer oberflächlichen Welt aus Glamour, Glanz und Schönheitsbusen zuckersüß gekrönt mit einfältigen Engelsstimmchen - eine Welt, deren implizierte, weil nie offen diskutierten Ideale mehr als fragwürdig sind und im wesentlichen nur zur Anzucht williger Konsumsklaven führen soll. Da werden Emotionen hochgekocht und breit getreten, dumpfe Ressentiments vernudelt und wieder und wieder erbrochen, um mithilfe niederer Instinkte tiefergehende Fragestellungen zu erdrücken, gar zu brandmarken und eine weltanschaulich kritische Entwicklung jungen Lebens zu verhindern. Was die Tragik dieses Amoklaufs angeht - wenn mehr als niemand diesen Blog lesen würde, könnte ich mir nun einiger Hass- und Drohbriefe zum Thema Pietätlosigkeit sicher sein, die umso mehr die prekäre Situation verdeutlichen würden - so bin ich gezwungen sie mir vorzustellen...