Dus(s)el
Sonntag, der 26.06.2006
Landstraße in warmer Dämmerung, leichtes Leben, unbeschwerte Fahrt bei offenem Verdeck und der süßgrasige Duft von Flur und Wald, der sich auf den Körper legt und durch die Lunge bis nach innen dringt. So war ich unterwegs und fuhr den Wagen wie verträumt, ganz entspannt und daher eher langsam. Von weitem erkannt ich das 60er-Schild vor der Ortseinfahrt, nahm den Fuß vom Gas, um von 80 auf 60 zu entschleunigen ohne zu bremsen und ließ meinen rechten Arm schwer am Lenkrad hängen um einer eben solchen Kurve zu folgen ohne Kraft aufwenden zu müssen. Der Frieden eines verschlafenen Wenig-Seelen-Fleckes baute sich vor meinen Augen auf, als plötzlich grün-weiß. Grün-Weiß? Jetzt, hier, warum? Ist doch sowieso keine Sau unterwegs? Ok, rote Kelle, bitte rechts ran fahren. Mist, keinen Führerschein dabei. Also Schwiegersohnlächeln aufsetzen, entspannt war ich sowieso schon, von daher war meine schwach betroffene Leichtigkeit nicht mal gespielt. "So, Herr Gecks, ich werde sie jetzt nicht verwarnen, aber wenn sie den Führerschein nicht innerhalb einer Woche auf einer der Bayreuther Wachen vorzeigen, werde ich konsequent durchgreifen und das wird dann auch was kosten." "Das hätten sie sich dann auch redlich verdient..." Herzlichen Glückwunsch zu dieser Menschenkenntnis dachte ich noch so bei mir als ich weiterfuhr, denn offensichtlich hatte der Polizist erkannt, dass ich ehrlicher Mensch war und den Führerschein glaubwürdig vergessen hatte. Zehn Meter bevor ich zuhause auf meinen Parkplatz einbog ließ ich das Steuer los, um mir an den Kopf zu schlagen, anzuhalten, den Kofferraum zu öffnen und den Führerschein aus dem dort deponierten Rucksack zu fischen. Sofort fuhr ich weiter zur nächsten Polizeistation in der Ludwig-Thoma-Straße, bei der ein einsamer Beamter Dienst tat. Direkt vor der Station ließ ich es mir nicht nehmen, über einem durchgezogenen Mittelstreifen zu wenden und in die verlassene Parkbucht direkt vor dem dunklen schwer-kaminroten Backsteingebäude einzusteuern. Der Diensthabende nahm meinen weißen "Anklage"-Zettel und den Führerschein durch Panzerglas entgegen, äußerte ein erstauntes "Das war ja erst grad eben!", worauf ich nochmal meine Dusseligkeit zugab und mit reinem Gewissen heimfuhr. Auf dem Weg fiehlen mir die Massen an Skatern auf, die trotz schon fortgeschrittener Dämmerung unterwegs waren, weshalb ich kurzerhand den Entschluss fasste, mir meine alten Skates an die Füße zu schnallen, die mich seit mehr als fünf Jahren mit wachsendem Spaß durch den Sommer begleiten. Um heute nicht noch mehr polizeilichen Unbill auf mich zu ziehen, entschloss ich mich zum Erreichen des Fahrradweges auf Nebenstraßen aus- zuweichen, statt wie sonst die Hauptstraßen zu fahren (rechtlicher Status eines Skaters: Fußgänger mit Spielzeug, man darf nicht mal Radwege benutzen, wenn diese als reine Radwege gekennzeichnet sind). Dieser Fahrradweg führt aus Bayreuth heraus aufs Land durch die "Tiefebene" des Mistelbaches. Als ich die städtische Straßenbeleuchtung hinter mir ließ weiteten sich meine Pupillen. Das Skaten in die beginnende Nacht kommt in der Vorstellung dem Gleiten über ein schwarzes Meer am nächsten, oft mit Phasen langen Schwebens, doch unverhofft kommen Schläge von unten durch den ungewissen Verlauf des Untergrundes. Frisch und mit Freiheit getränkt weht der Fahrtwind durch das Hemd und streichelt zart den Schweiß der Haut, die den Weg säumenden Hecken offenbaren nur mehr ihren ziselierten Umriss gegen den fahlblauen Abendhimmel. Plötzlich sah ich in kurzer Distanz ein kleines Licht, winzig, doch hell und deutlich erkennbar tänzelnd. Ein Glühwürmchen dachte ich voll Verzückung und versuchte mich daran zu erinnern, ob ich schon jemals im Leben eines gesehen hatte. Kurz danach fiehl mir auf, das ich wohl allein deswegen bis jetzt nur wenige gesehen hatte, weil ich so selten Nachtwanderungen machte. Am Wegesrand waren jetzt in kurzem Abstand die schwirrenden hellgrünen Nadelspitzen zu sehen, wie winzige Katzenaugen auf unsichtbaren Straßenpfosten. Unwillkührlich erinnerte ich mich an die Mücke, die vor fünfhundert Metern mein Auge zentral getroffen hatte und stellte mir den Wahnsinns-Flash vor, den wohl ein Glühwürmchen bei einem solchen Treffer auslösen würde. Irgendwie fühlte ich mich an den Film erinnert den wir am Abend zuvor bei Stefan nachm Grillen an die Leinwand gebeamt hatten: "Fear and Loathing in Las Vegas". Ziemlich abgefahren irre, Mann...