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Winterwanderung
Sonntag, der 29.01.2006
So bleibt von umwerfender Schönheit doch oft ein schwacher digitaler Abklatsch übrig und lässt
den staunenden Weltenwandler verzweifeln, findet er doch weder Worte noch Bild, um mitzuteilen,
was ihn tief berührt. Oft weint man einem verpasstem Spitzenfoto hinterher, weil die Situation
so flüchtig war, und vergisst dabei, sie zu genießen. Dieses verrückte innere
Paradoxon, wenn man es erkennt, lehrt einen zumindest eines: Spür den Schmerz, kurz und intensiv
und dann lass los, denn dazu ist die Welt geschaffen - Schönheit flüchtig, vergehend, sterbend
um wieder zu entstehen, in anderer Form, anderem Gewand, denn nur so kann sie überhaupt
entstehen und indem die Welt sich wandelt, entstehen wie in einem Kaleidoskop durch Zufall immer
wieder neue wunderbare Muster.
Geradezu seltsam dessen bewußt scheint sich die Natur des Festhaltenwollens zu entziehen.
Auf freiem Feld saß in der Ferne auf dem Ast eines zerzausten Großbusches ein vollkommen schwarzer
Rabenvogel und bildete mit dem ihn umgebenden Zweigwerk einen wunderbaren Schattenriss vor
dem glasklaren, eisblauen Himmel. Leider störte noch ein Gebäude den Hintergrund und so ging ich
einige Schritte in gebührender Entfernung, um in eine bessere "Schussposition" zu kommen.
Während dieser ganzen Bewegung war der Vogel völlig ruhig geblieben. Also bereitete ich mein
Tatwerkzeug vor, fuhr die Linse aus und nahm das Tier aufs Korn. Noch bevor der Autofokus
piepsen konnte, war das Luftgeschöpf mit breiten Schwingen abgehoben und mein Motiv mit mir
am Boden zerstört. Doch an die oben beschriebenen Gedanken erinnert setzte ich meinen Weg fort,
mit leisem Lächeln, ganz tief drin, die warme Morgensonne im Rücken.
HPH zu Besuch ...
Dienstag, der 03.01.2006
Heute stolzierte HPH mit seinem Sohn in unser Labor, indem er ihn vor
sich her bugsierte und dem verschüchterten Jungen klarmachte, dass
Viel ehrlicher wäre es gewesen, er hätte so mit mir geredet:
Zu seinem Sohn gewandt: "Sieh mal Junge, da steht die diabolische Drecks-Maschine, die deinem Vats den letzten Nerv zerreibt wenn sie läuft, und du weist was das dann abends im Kreise der Familie für Folgen hat. Ich hoffe du wirst irgendwann mal ein Maschinen-Stürmer, ein zweiter Una-Bomber sozusagen!" Zu mir gewandt: "Und nun zu dir, du fette Mist-Kröte. Ich kann euch nicht leiden und ihr könnt mich nicht leiden, und seit ihr hier seid ist's vorbei mit meiner himmlischen Ruhe. Selbst wenn diese Höllen-Maschine keinen Lärm produziert, wird rücksichtslos von Tischen gesprungen und vulgär gelacht. Da kann man ja nicht mal schlafen, ohne von Albträumen durchschüttelt zu werden. Zu allem Überfluss zieht ihr jetzt auch noch dieses dick ausgestattet Schwachsinns-Projekt an Land, wen fickt ihr eigentlich dafür? Meine Forschung ist seit Jahren unterbezahlt und es wird gekürzt, wo's nur geht, nicht mal eine extra starke Schalldämmung für mein Zimmer konnte ich durchsetzen. Haha, aber pass mal auf, vor meinem Sohn laufe ich zu Höchstform auf und mache euer Projekt wenigstens lächerlich, so dass er merkt, was für ein Mann ich bin und nicht schwul wird, wie meine Frau immer sagt. Und schau mich gefälligst an, während ich mit dir rede, sonst werde ich auf den Boden stampfen wie ihr es immer tut!"
Murphy (1)
Dienstag, der 13.12.2005
PJS und ich auf dem Weg zum Abendessen. Bis 19 Uhr mussten wir dasein,
um noch Nudeln zu Happy-Hour-Preisen zu bekommen. 18.20 fuhren wir am
GSP los, PJS musste noch kurz im Baumarkt vorbeischauen. Ich kam mit, um
ihm beim Suchen zu helfen, was allerdings relativ überflüssig war, wie
ich feststellte. PJS suchte, fand, war unzufrieden und sah vom Kauf ab.
Unbefriedigt auf dem Weg zur Kasse sinnierte ich schon, wie man diesen
Besuch wohl doch noch sinnvoll nutzen könnte und erinnerte mich plötzlich,
dass ich noch 3-fach Tischsteckdosen gebrauchen könnte. Beherzt griff ich
bei den Grabbel-Auslagen zu, zwei 3-fach-Verteiler für 0,89 euro und ein
4-fach-Verteiler mit gelben Kappen, der direkt daneben lag. Schon auf dem
Weg zur Kasse hatte ich ob der langen Schlangen ein schlechtes Gewissen.
Wir stellten
uns an die minimal kürzere Schlange an. Kurz darauf sprang die Kasseuse
aus ihrem Verkaufsgatter und lief zur gegenüber sitzenden Kassen-Henne.
Scheinbar hatte etwas sie aus dem Konzept gebracht und erforderte Hilfe.
PJS verdrehte die Augen und murmelte sowas wie "immer an der falschen Kasse".
Zurück am Platz kam die Schlange wieder in Schwung und wir waren schon voller
Hoffnung. Endlich an der Reihe. Plötzlich öffnete sich völlig unerwartet
die Verdeckelung der Kassenautomatenmechanik und mit flinken Fingern begann
die freundliche Service-Mitarbeiterin mit Kassenzettelrollen zu jonglieren.
Zwei ausbauen, zwei einbauen. Fröhlich schnatterte die Kasse wieder los,
vollgefüllt mit neuem Holzveredelungsprodukt. Die zwei 3-fach-Verteiler wurden
gelasert, dann der 4-fach-Verteiler mit gelben Kappen. Schon zuckte ich am
Fünf-Euro-Schein, doch der satte Laser-("Umsatz!")-Piep kam nicht. Versteinert
starrte PJS in die Ferne, ich war den Tränen nahe (vor Lachen). Stoisch griff
die Dienerin des Umsatzlasers zum Haustelefon und störte ihren
Kassenleiter bei einer wichtigen Personalberatung mit der neuen Praktikantin.
Ich rechnete schon mit einer ausgiebigen Unterhaltung, doch schon nach
kurzer Zeit fing sie an, Zahlen einzutippen und mehrere "mHm, ja" von sich
zu geben. Obwohl die Sonne schon untergegangen war, schien es plötzlich
heller zu werden im Raum und PJS' Stirn entwölkte sich. Meine hingegen tat
das Gegenteil, als ich erfuhr, das die Luxus-4-fach-Steckdosenleiste aus
chinesischer 20-Stunden-Schicht-Produktion (ohne Pinkelpause) 14,99 Euro auf
die Kassenanzeige brachte. Obwohl ich einfach hätte zahlen können, um
das Drama zu beenden, brachte dies mein inneres Preisempfinden dermaßen aus
dem Ruder, dass ich ausrief "Was, das glauben sie ja wohl selbst nicht!",
zum Grabbel-Tisch lief, dort ungläubig denselben Preis erblickte und
dann zurück an der Kasse den Kauf des Gutes ablehnte. Also bezahlte ich knapp
zwei Euro und verließ mit dem nahezu sprachlosen PJS das Einkaufsparadies.
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